Heinz Sielmann Stiftung: Artenvielfalt retten und bewahren!

Interview mit Dr. Hannes Petrischak, Leiter Naturschutz, Heinz Sielmann Stiftung

Die Heinz Sielmann Stiftung hat sich die Rettung und den Erhalt der Artenvielfalt auf die Fahne geschrieben und betreut in Brandenburg über 13.000 Hektar Naturschutzfläche. Dazu gehört auch die Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide vor den Toren Berlins. Was können Besucher dort sehen und erleben?

Insgesamt rund 55 Kilometer Wanderwege führen durch eine einzigartige Landschaft mit Heideflächen, Feuchtwiesen und Eichenwäldern. Allein der Wanderweg um die Wildniskernzone ist 22 Kilometer lang. Wer genau hinschaut, kann von diesem Rundweg aus Wisente und Przewalski-Pferde beobachten. Die großen Pflanzenfresser leben hier als Landschaftsgestalter. Sie fressen nicht nur Gras, sondern auch Baumrinde sowie kleine Äste und Zweige und halten damit den Baumaufwuchs kurz. Das ist gewollt, um die hier typische Offen- und Halboffenlandschaft zu erhalten.

Weite Bereiche des ehemaligen Truppenübungsplatzes sind als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet im Rahmen von Natura 2000 gemeldet und als Vogelschutzgebiet (SPA) benannt. Welche besonderen Arten gibt es da?

Charakteristische Vogelarten in der Döberitzer Heide sind unter anderem Wiedehopf und Steinschmätzer, Heidelerche und Braunkehlchen. Auch für Insekten ist die Döberitzer Heide eine ideale Landschaft. Man kann sehr viele interessante Arten beobachten: Schillerfalter saugen Nährsalze auf Waldwegen auf, seltene Heuschrecken wie der Warzenbeißer singen in den Wiesen, Wildbienen und Grabwespen legen ihre Nester im offenen Sandboden an.

Stichwort „Artensterben“: Bei Insekten hat das Thema eine neue Dimension bekommen. Wie konnte es so weit kommen und was hat das für wirtschaftliche Auswirkungen?

Unsere bis vor wenigen Jahrzehnten noch sehr artenreiche Kulturlandschaft hat sich gewandelt. Überdüngung, Pflanzenschutzmittel und Verluste von Lebensräumen wirken zusammen. Insekten finden kaum noch Nahrung, weil viele Arten auf bestimmte Nahrungspflanzen angewiesen sind. Blütenreiche Wiesen finden Wildbienen, Schmetterlinge oder Schwebfliegen fast nirgends mehr. In den letzten 25 Jahren hat sich die Menge der Insekten insgesamt um rund 80 Prozent reduziert. Letzte Refugien sind oft Steinbrüche, Kiesgruben, Truppenübungsplätze oder kurioserweise sogar Industriebrachen.

Insekten werden oftmals als lästig empfunden. Was ist denn so schlimm daran, wenn sie aussterben?

Insekten, die den weitaus größten Anteil aller auf der Erde lebenden Arten einnehmen, sind wichtige Bestandteile vieler Netze der Natur und leben in Interaktion mit zahlreichen Pflanzen und Tieren, Wenn die Insekten verschwinden, trifft das auch viele Vögel wie Schwalben und Mauersegler. Wirtschaftliche Auswirkungen des Insektenschwunds können sichtbar werden, wenn die Bestäuber von Nutzpflanzen fehlen. Obstbäume beispielsweise profitieren enorm von zahlreichen Wildbienen.

Wie kann jeder Einzelne dazu beitragen, dem Artensterben etwas entgegen zu setzen?

Im eigenen Garten, sogar auf dem eigenen Balkon kann jeder aktiv werden: Möglichst einheimische, blüten- und nektarreiche Pflanzen locken vom Frühjahr bis zum Herbst Wildbienen und Schmetterlinge an. Nisthilfe ermöglichen außerdem faszinierende Naturbeobachtungen.

Viele Menschen legen Wert auf einen gepflegten Garten, die Baumarkt- und Gartenmarkt-Kultur boomt. Was raten Sie denen?

Wer den Rasen oder zumindest Teile davon seltener mäht und nicht düngt, wird auch hier bald für bunte Vielfalt sorgen. Blühende Kräuter bereichern die eigene Küche und die Vielfalt im Garten. Totholz, Trockenmauern, Blätter- oder Reisighaufen, offene Sandflächen und Hecken sind wertvolle Strukturen, die etwa von Holzbienen, Spechten, Igeln, Ameisenlöwen und Zaunkönigen gern genutzt werden. Aber auch als Konsumenten beeinflussen wir tagtäglich die Rahmenbedingungen für die Artenvielfalt, denn unsere Ernährung hängt unmittelbar mit Formen der Landnutzung zusammen.

Die SIELMANN! Sonderausstellung anlässlich des 100. Geburtstags des Stiftungsgründers ist noch bis zum 5.11.2017 im Museum für Naturkunde in Berlin zu sehen. Auch am 1.10., dem Tag der Stiftungen ist sie geöffnet: www.sielmann-stiftung.de/sielmann!/